mädchenname

(maiden name)

 

 

Als ich letztes Jahr auf der Ausstellung von Alec Soth, vor dem Bild: "Mother and daughter", aus der Serie: "Sleeping by the Mississippi" stand, wurde mir bewusst, wie spannend die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern, ebenso ihre Wandlung im Erwachsenwerden des Kindes und im Älterwerden der Mutter ist. Zwei starke Frauen, die frontal in die Kamera schauen, deren Blicke und Körpersprache sich jedoch grundlegend unterscheiden, da sie sich in verschiedenen Lebenszyklen befinden. Somit werden zwei verschiedene Zeitebenen in einem Bild vereint, in dem wir einerseits, den fast schon fordernden, erwartungsvollen Blick der jungen Frau, zugleich aber auch, den vielmehr in sich gekehrten Blick der Mutter, der in das Vergangene gerichtet ist, sehen.

In Bezug auf das universelle Thema des Erwachsenwerdens und des Übergebens der Erfahrungen an die nächsten Generationen hatte diese Fotografie, für mich persönlich, einen symbolischen Charakter. Kinder sehen in ihren Müttern eine heroische Figur. Diese Wahrnehmung wandelt sich ab einem gewissen Alter. Besonders zwischen Müttern und Töchtern ist diese Wandlung sehr prägnant, da sich dann nicht mehr nur Mutter und Tochter gegenüberstehen, sondern zwei erwachsene Frauen.
Ab einem gewissen Zeitpunkt fängt die Tochter an, Parallelen in der eigenen Person und der Person der Mutter zu entdecken, sie als Frau wahrzunehmen, Eigenschaften unbewusst zu übernehmen oder Erfahrungen in einem bestimmten Alter bzw. als Frau gewissermaßen ähnlich zu erleben. Dieses Spannungsfeld brachte mich zu der Substanz meiner Arbeit "mädchenname". Diese ist der Versuch, die Zeit messen bzw. vergegenständlichen zu wollen, indem ich anhand eines Ausschnittes aus der Vergangenheit meiner Mutter, ein Narrativ aufbaue, das bis in meine Gegenwart hineingreift. Dieses Narrativ wird die Vergangenheit, aus der gegenwärtigen Perspektive, immer neu formen, indem ich anfange, durch meine subjektive Wahrnehmung und Erzählweise der Vergangenheit, sie zu beeinflussen. Diese beiden Zeitebenen greifen somit ineinander ein und erzeugen ein Spannungsmoment, in dem ich aus der Zukunft heraus, die Vergangenheit neu konstruiere.
Genau dies ist ein urmenschliches Bedürfnis, das Bedürfnis, dem Dasein mit einem historischen Moment in Verbindung zu setzen, um darin den eigenen Sinn ergründen zu können.
Die Zeit, die an sich etwas sehr abstraktes ist, beleuchte ich hierbei aus verschiedenen Blickwinkeln, um persönliche Erinnerungen oder Erfahrungen, die über Generationen hinweg miteinander verwoben sind, einzufangen. Im darauffolgenden Schritt setze ich sie in Bezug zu der Welt, wodurch die Figuren aus ihrer historischen Umgebung herausbrechen und einen ikonographischen Charakter bekommen.

 

 

 

 

When I stood in front of the photography "Mother and daughter" from the series "Sleeping by the Mississippi" in Alec Soth's exhibition last year, I realized how exciting the relationship between mothers and daughters is and how it changes as the child grows up and the mother grows older.

Two strong women looking head-on into the camera, but whose gaze and body language are fundamentally different because they are in different life cycles. Thus two different time levels unite in one picture, in which we see on the one hand the almost demanding, expectant gaze of the young woman, but at the same time also the mother's rather inward-looking look, which is directed into the past.

In relation to the universal theme of growing up and passing on experiences to the next generations, this image had a symbolic character for me personally. Children see in their mothers a heroic figure, this perception changes from a certain age. Especially between mothers and daughters, this change is very significant, because then no longer only mother and daughter face each other, but two adult women.

At a certain point the daughter begins to discover parallels in herself and in the person of the mother, to perceive her as a woman, to unconsciously take on characteristics or experience at a certain age or as a woman in a similar way.

This field of tension brought me to the substance of my work "mädchenname" (maiden name). It is an attempt to measure or objectify time by constructing a narrative based on an excerpt from my mother's past that reaches into my present. This narrative will always reshape the past from the present perspective, as I begin to influence it through my subjective perception and narrative of the past. So these two time levels interlock and create a moment of tension, an almost impossible moment in which I reconstruct the past from the future.

This is precisely a primal human need, the need to connect existence with a historical moment in order to be able to fathom its own meaning.

 

I illuminate time, which in itself is something very abstract, from different angles in order to capture personal memories or experiences that are interwoven over generations. In the following step I put them in relation to the world, whereby the figures break out of their historical environment and take on an iconographic character. 

 

 

 

 


Ausstellungsansicht / exhibition view


Ausstellungsansicht / exhibition view

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